Erkrankungen der Wirbelsäule

Morbus Scheuermann

Kommen beim Jugendlichen weiche Wirbelkörperabschlussplatten, ein hohes Körpergewicht aufgrund eines Wachstumsschubes und Haltungskonstanz mit Verlagerung des Bandscheibenkernes zusammen, können die Abschlussplatten der Wirbelkörper geschädigt werden, Bandscheibengewebe wird in die Wirbelkörper eingedrückt und es bildet sich ein sog. Schmorl’sches Knötchen. Mit Abschluss des Körperwachstums ist der M. Scheuermann meist ausgeheilt. Nur selten kommt es dabei zu Verbiegungen der Wirbelsäule. Obgleich Patienten nach einem M. Scheuermann häufig vermehrt mit Wirbelsäulenbeschwerden konfrontiert sind.

Bandscheiben-Degeneration

Da die Ernährung der Bandscheiben von einer wechselnden Körperhaltung und Belastung abhängig ist, dies bei moderner Lebensweise aber immer weniger beachtet wird, kommt es in immer jüngeren Lebensjahren zur Degeneration des Bandscheibenringes. Ist im mittleren Lebensalter der Gallertkern noch wenig degeneriert und baut er daher noch einen hohen Druck auf, kann er sich in Rissen im Faserring zum Rand der Bandscheibe vorarbeiten. Dies geschieht am häufigsten zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr. Klemmt sich ein Teil des Bandscheibenringes in den äußeren Bereichen des Faserringes ein, so wird das reich mit Nerven versorgte hintere Längsband unter Spannung gesetzt. Es entsteht ein starker örtlicher Schmerz (Lumbago). Die Muskulatur des Rückens verspannt sich und verhärtet sich, um Bewegungen des schmerzhaften Wirbelsäulenabschittes zu verhindern. Es entsteht das Krankheitsbild der Lumbago (Hexenschuss).

Bandscheibenprotrusion (Bandscheibenvorwölbung)

Wölbt sich die Bandscheibe über ihre anatomische Begrenzung hinaus vor, sprechen wir von einer Protrusion. Inneres Derangement und Protrusion sind voll rückbildungsfähig. Eine Bandscheibenprotrusion ist als physiologisch zu betrachten und bedarf keiner operativen Therapie.

Bandscheibenprolaps (Bandscheibenvorfall)

Der Gallertkern der Bandscheibe kann sich durch Risse im Faserring vorwölben. Man spricht von einem Bandscheibenvorfall (Prolaps). Dieser bildet sich kaum noch zurück. Da das vorgefallene Bandscheibengewebe nicht mehr am physiologischen Stoffaustausch teilnimmt, schrumpft es und hierdurch kann die klinische Symptomatik verschwinden und im Idealfall bildet sich der Bandscheibenvorfall dann wieder zurück. Der Bandscheibenvorfall ist gedeckt, wenn die äußere Hülle der Bandscheibenbegrenzung stehen bleibt. Bei einem freien (perforierten) Vorfall wird Bandscheibengewebe in den Wirbelkanal versprengt.

Welche Krankheitserscheinungen ein Bandscheibenvorfall verursacht, variiert entsprechend der anatomischen Gegebenheiten. Liegt ein weiter Spinalkanal vor und können Nervenfasern ausweichen, so kann auch ein großer Bandscheibenvorfall ohne wesentliche Symptomatik vorliegen. Ist der Wirbelkanal eng, so dass die Nervenwurzeln nicht ausweichen können, und wölbt sich die Bandscheibe in die Nachbarschaft einer Nervenwurzel vor, so kann bereits eine kleine Vorwölbung zu erheblicher Reizung der Nervenwurzel führen. Es entsteht an der Lendenwirbelsäule das Krankheitsbild der Lumboischialgie (Ischias), da der Schmerz im Verlauf der Nervenwurzel empfunden wird.

Bandscheibenprolaps L4/L5

Häufig von einem Bandscheibenvorfall betroffen ist die Bandscheibenetage L4/L5. Durch ihn wird der fünfte lumbale Spinalnerv gereizt. Klassischerweise ist ein Rückenschmerz, der über die Außenseite des Ober- und Unterschenkels über den Spann bis hin zur Großzehe ausstrahlt. In diesem Areal kann die Sensibilität herabgesetzt sein. Die Kraft des Großzehen- und Fußhebermuskels kann beeinträchtigt sein, was beim Hackengang auffällig wird.

Bandscheibenprolaps L5/S1

Ist die unterste Bandscheibe L5/S1 betroffen, strahlt der Schmerz  über die Rückenseite des Ober- und Unterschenkels zur Fußaußenkante und der Fußsohle aus. In diesem Areal ist das sensible Empfinden gestört. Die Kraft der Fuß- und Zehensenker kann beeinträchtigt sein, so dass ein Zehengang nicht mehr möglich ist.

Diagnostik

Entsprechendes gilt für alle Segmente der Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule. Durch die an Armen und Beinen feststellbare Symptomatik kann in typischen Fällen und bei subtiler neurologischer Untersuchung die Höhe eines Bandscheibenvorfalles meist bereits klinisch diagnostiziert werden. Zur gezielten Diagnostik werden eingesetzt: Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT), Kernspintomographie (MRT) und elektrophysiologische Untersuchungen (EMG/NLG/SEP).

Radikuläre Symptomatik

Sind die Nervenwurzeln in der erwähnten Weise direkt betroffen, spricht man von einer radikulären Symptomatik. Liegen ähnliche Schmerzausstrahlungen vor, ohne dass die Nervenwurzeln ursächlich betroffen sind, spricht man von einer pseudoradikulären Schmerzausstrahlung. Diese tritt häufig aufgrund unterschiedlicher Störungen der Wirbelsäule auf, die weiter unten beschrieben werden.

Übergangsstörungen

Anatomische Abweichungen beschleunigen die Bandscheibendegeneration. Dies ist besonders häufig am Übergang der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein der Fall, da diese Region die entwicklungsgeschichtlich jüngste des menschlichen Skelettes ist. Erst mit dem Erwerb des aufrechten Ganges hat sie sich in der bestehenden Form gebildet. Häufig ist die Abgrenzung von Lendenwirbelsäule zu Kreuzbein nicht scharf, es treten dann auch bei einzelnen Menschen Übergangswirbel auf. So können 4 oder 6 freie Lendenwirbelkörper vorliegen oder es kann eine nur einseitige Verschmelzung der Rippenfortsätze des untersten Lendenwirbelkörpers mit dem Kreuzbein bestehen. Das Bewegungsverhalten des lumbosakralen Überganges ist hierdurch gestört, die darüber liegende Bandscheibe unterliegt einer vermehrten Belastung.

Wirbelsäuleninstabilität

Die Degeneration der Bandscheibe beginnt bald nach der Geburt, wenn aufgrund der sitzenden Körperhaltung und eines steigenden Körpergewichtes die Bandscheiben nicht mehr direkt durchblutet werden. Bis zum 2. Lebensjahr bilden sich die Blutgefäße, die zu den Bandscheiben führen zurück. Degenerative Veränderungen sind regelmäßig ab etwa dem 18. Lebensjahr nachweisbar. Sie führen im Laufe des Lebens eines Erwachsenen zur verminderten Wasserbindungsfähigkeit des Gallertkernes und zur Höhenabnahme der Bandscheiben (Osteochondrose). Geschieht dies rascher als die stabilisierenden Bänder schrumpfen, entsteht eine Lockerung im Bewegungssegment. Die Muskulatur versucht, Stabilität zu schaffen, ist hierzu jedoch nicht ausreichend in der Lage und wird überfordert. Dies ist ein häufiger Grund für Rückenschmerzen.

Morbus Baastrup

Durch die Annäherung der Wirbelkörper kann es zum Kontakt der Dornfortsätze kommen, insbesondere beim Zurückbeugen. Treten hier degenerative Veränderungen auf, sprechen wir von Morbus Baastrup (kissing Spine).

Facettensyndrom

Die Abflachung der Bandscheiben setzt die Wirbelgelenke unter erhöhten Druck. Sie entwickeln eine Arthrose (Spondylarthrose) durch Knochensklerosierung und randständige Ausziehungen (Osteophyten). Klinisch nennen wir das Krankheitsbild Facettensyndrom.

Spinalkanalstenose

An der Lendenwirbelsäule sind die Wirbelgelenke schräg angeordnet, so dass die Gelenkflächen von cranial ventral nach caudal dorsal abfallen. Durch Höhenminderung der Bandscheibe kommen die Wirbelgelenke unter vermehrten Druck und die Wirbelkörper verschieben sich entlang der Gelenke. Der obere Wirbelkörper rutscht hierdurch nach hinten (Spondyloretrolisthese). Durch Höhenminderung der Bandscheiben, Retrolisthese und Osteophytenbildung wird das Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale) eingeengt. Der Spinalnerv kann hier unter Druck kommen. Es entsteht das Krankheitsbild der Spinalstenose. Da der Drehpunkt für Bewegungen der Lendenwirbelkörper im hinteren Bandscheibenabschnitt liegt, vermindert sich der dem Spinalnerven zur Verfügung stehende Raum bei Rückbeugung. Dies kann diagnostisch bedeutsam sein. Zur Entlastung und Erweiterung des Wirbelkanaldurchmessers beugen sich die Patienten häufig nach vorne.

Anterolisthese

Stehen die Wirbelgelenke mehr in Sagittalrichtung (sind die Gelenkflächen mehr in Richtung vorne-hinten angeordnet) oder überwiegt die Höhenminderung der Wirbelgelenke gegenüber der Bandscheiben, kann es zum Vorgleiten des oberen Wirbelkörpers kommen (Anterolisthese, Pseudospondylolisthese).

Pseudoradikuläres Syndrom

Irritationen von Wirbelgelenken, Bändern oder Muskeln der Wirbelsäule führen zur Reizung der diese Gewebe versorgenden Nerven und Nervenzellen im zugehörigen Rückenmarksegment. In diesem Segment überwiegt die Repräsentation eines entsprechenden Anteiles des Armes oder Beines (Dermatom, Myotom, Sklerotom), denn in den Extremitäten liegen viel mehr Sinneszellen und motorische Einheiten als in der Wirbelsäule selbst. So empfindet das Großhirn eine Irritation des Wirbelsäulensegmentes als Gefühlsstörung oder Schmerz im entsprechenden Anteil von Arm oder Bein. Diese Symptomatik ähnelt der radikulären Symptomatik, ohne dass jedoch die Nervenwurzeln selbst Ursache dieser Störung sind. Man spricht daher von pseudoradikulärer Symptomatik. Gegenüber der radikulären Symptomatik ist die Schmerzausstrahlung diffuser und nicht umschrieben auf ein Dermatom bezogen. Weitere Anzeichen einer Spinalwurzelschädigung wie Nervendehnungszeichen, Reflexausfälle und Muskelschwächen fehlen in der Regel.

Fehlhaltungen der Wirbelsäule

Auch ohne das Vorliegen wesentlicher degenerativer Veränderungen können ähnliche Symptome durch anhaltende Fehlhaltungen und Fehlbelastungen hervorgerufen werden. Ungesunde Körperhaltung wird bereits in der Schule durch stundenlanges ruhiges Sitzen auf oftmals ungeeigneten Stühlen eingeübt, eine Korrektur unterbleibt mit dem Ausfall von Sportunterricht. Sie wird am Arbeitsplatz und in der Freizeit weiterhin praktiziert. Heutzutage sind dazu insbesondere die beruflichen Belastungen mit einer sitzenden Tätigkeit am Bildschirmarbeitsplatz zu benennen. Ein ergonomisches Design des Arbeitsplatzes kann dies trotzdem nicht verhindern. Beschwerden treten auf, wenn die Belastbarkeit durch Konstitution, anatomische Varianten und degenerative Veränderungen gestört ist.

Psyche

Einen wesentlichen Einfluss hat die Psyche auf die Körperhaltung und die Schmerzwahrnehmung sowie die Schmerzverarbeitung bei Wirbelsäulenbeschwerden. Neben der gestörten Stimmungslage treten dann auch vermehrte Verspannungen in der Muskulatur auf. Viele Patienten verspüren dann auch Kopfschmerzen, die oft als Migräne missdeutet werden, aber eher einen Kopfschmerz vom Spannungstyp darstellen. „Wer buckelt und sich hängen lässt, hat wohl kein Rückgrat. Er könnte kreuzlahm werden oder es könnte ihm sogar das Kreuz brechen“. Es ist oft schwer zu verifizieren, ob jemand Wirbelsäulenbeschwerden hat, weil er psychische Probleme hat oder durch anhaltende Schmerzen psychisch auffällig wurde.

Discitis

Bei der Discitis besteht eine Entzündung der Bandscheibe durch Bakterien, wie z.B. bei Tuberkulose, oder durch einen Sepsis mit Verbreitung der Bakterien im Körper. Auch nach operativen Eingriffen an der Wirbelsäule kann eine Discitis auftreten und dies stellt eine besondere Herausforderung dar, weil die Behandlung langwierig und hochkomplex ist. In vielen Fällen kann kein bakterieller Erreger nachgewiesen werden. In letzter Konsequenz müssen operativ die Wirbelkörper und Bandscheiben operativ entfernt und eine Fusionsoperation zur Wirbelsäulenstabilisation durchgeführt werden.

Spondylitis

Tumoren oder Entzündungen der Wirbelkörper führen zum Einschmelzen und können bei einem Wirbelkörperbruch oder weitere Ausdehnung in den Spinalkanal dann das Rückenmark schädigen.

Spondylolisthesis

An den Wirbelkörpern kann es zu ausgedehntem Wirbelgleiten kommen, wenn während des Wachstumsalters durch wiederholte Mikrotraumata bei entsprechender Anlage Spaltbildungen im Wirbelbogen auftreten. In der überwiegenden Zahl ist dies zwischen dem oberen und unteren Gelenkfortsatz der Fall (Spondylolyse). Besonders betroffen sind Berufstätige und Sportler, bei denen eine Stauchung der Wirbelsäule in Hyperlordose erfolgt (Turner, Speerwerfer). Es kann ein Wirbelgleiten (Spondylolisthese) einsetzen, das bis zum völligen Herabrutschen des oberen Wirbelkörpers vor dem unteren führt (Spondyloptose). Meist geschieht dies so langsam, dass keine Nervenwurzelkompression stattfindet. Spaltbildungen im Bereich der Dornfortsätze und Wirbelbögen (Spina bifida) gehören zum Formenkreis der Verschlussstörungen des Neuralrohres im Embryonalstadium (Myelomeningozele). Heutzutage werden diese Krankheitsbilder bereits während der Schwangerschaft mittels der sonographischen Früherkennung diagnostiziert.

Trauma

An Verletzungen sind Wirbelkörperfrakturen, Abbrüche der Dorn- und Querfortsätze häufig. Sie sind hoch schmerzhaft, heilen aber fast immer ohne spezielle Therapien folgenlos aus. Stauchungsverletzungen können zum Kompressionsbruch der Wirbelkörper führen. Sind der Wirbelbogen und die Wirbelkörperhinterkante nicht mit verletzt, sind diese Frakturen stabil und heilen fast immer nach einer Ruhigstellung aus. Entscheidend für das Ausmaß dauernder Beschwerden ist die resultierende Fehlstellung (Kyphose oder Seitfehlstellung). Sind gleichzeitig auch der Wirbelbogen und die Hinterkante verletzt, bedürfen sie meist der chirurgischen Stabilisierung. Vom Ausmaß der Verletzung abhängig, treten bei schweren Wirbelsäulenverletzungen neurologische Ausfälle bis hin zu einem Querschnittsyndrom auf. Diese sind häufig trotz einer chirurgischen Behandlung irreversibel.

Osteoporose

Oft entstehen Wirbelkörperfrakturen durch Bagatellverletzungen bei Osteoporose. Dies ist bei älteren Frauen besonders häufig, da Frauen nach der Menopause die knochenerhaltende Wirkung der Geschlechtshormone fehlt.

Skoliose

Seitverbiegungen der Wirbelsäule, Skoliosen genannt, entwickeln sich bevorzugt im Wachstumsalter bei Jugendlichen. Sie werden durch Krankengymnastik, Orthesenversorgung (Korsett) und bei erheblicher Ausprägung durch operative Korrektur und abschnittsweiser Wirbelsäulenversteifung therapiert.